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Eine Frage der Ehre
Als ich mich kurz vor der Stadthalle in Bülach befinde, wo Herr
Bruggisser an diesem Tag seine Aussage im Swissair-Prozess machen
soll, bin ich nervös. Endlich kann ich in Realität erleben, was
wir alle schon hundertfach am Bildschirm verfolgt haben. Oft genug
haben wir die Dramatik in Matlock's Gerichtssaal verfolgt - oder
im Film "Eine Frage der Ehre", wo der Anwalt (Tom Cruise) den Colonel
(Jack Nicholson) zur Weissglut treibt und dieser deshalb seine Schuld
gesteht. Weniger dramatisch geht es in Nachmittagssendungen wie
"Richterin Barbara Salesch" auf Sat1 und Co. zu. Dort besteht die
einzige Dramatik darin, dass keiner der Mitwirkenden auch nur ein
Fünkchen schauspielerisches Talent besitzt.
Trotzdem, wir wissen wie es läuft bei Gericht.
Doch schon am Eingang zeigt sich in Bülach die erste Abweichung.
Da kann man nicht einfach reinspazieren, wie ich mir das vorgestellt
habe. Die Polizei filzt jeden Zuschauer. Sogar die Schuhe muss ich
ausziehen, um zu beweisen, dass ich weder ein Messer noch eine Bombe
noch tödlichen Fussschweiss habe. Sie lassen mich durch.
Der Richter und seine Kumpane sitzen vorne auf der Bühne, die Staatsanwaltschaft
und den Angeklagten sehe ich kaum, da zu viele Köpfe dazwischen.
Wenigstens wird das Gesagte durch Lautsprecher übertragen.
Was folgt ist weit entfernt von meinen Erwartungen: Richter liest
Frage von einem Blatt ab, Angeklagter antwortet. (Aha, der antwortet
wenigstens. Viele vor ihm haben das ja nicht getan.) Richter liest
die nächste Frage, Angeklagter antwortet und so weiter. Ich komme
mir vor wie auf der Probe zu einem Theaterstück, wo die Schauspieler
zum ersten Mal den Text lesen. Nur wären sogar die Schauspieler
von Richterin Barbara Salesch noch die interessantere Besetzung.
Die würden wenigstens Emotionen wie Verzweiflung, Wut und Trauer
rüberbringen - nicht immer am passenden Ort und kaum je glaubwürdig,
aber immerhin wäre was zu spüren. In Bülach nichts. Der Dramaturg
hat voll versagt. Nach 1.5 Stunden darf der Staatsanwalt auch mal
eine Frage stellen. Endlich, der Dramaturg hat den richtigen Biss
für den Dialog gefunden! 2 Minuten später ist der Dialog nach einem
"Ich habe mich entschieden, heute keine Fragen des Staatsanwalts
zu beantworten." zu einem Monolog verkommen.
In der Schweiz hält man sich also auch bei seinem eigenen Prozess
aus allem raus.
Eine Woche später gehe ich aber trotzdem nochmal durch die Polizeikontrolle.
Ich verfolge dasselbe Spiel wie vor einer Woche, diesmal in die
Länge gezogen wegen Spontanübersetzungen für Ms. Fouse, die heutige
Angeklagte.
"Warum bestanden Sie darauf, die Zahlung von 28+ Mio. Franken an
die KPMG so dringend ausführen zu lassen?"
"Weil ich davon überzeugt bin, dass man in einer Geschäftspartnerschaft
seinen Teil der Aufgabe auch einhalten muss. KPMG's Arbeit war ihr
Teil, die Bezahlung der Rechnung war unser Teil."
"Ja, aber meine liebe Frau Fouse, was ist denn mit all den anderen
Geschäftspartnern - darunter übrigens die ganze Swissair-Belegschaft
und die Treibstofflieferanten - die auch gerne die Bezahlung für
ihre Arbeit oder Lieferung bekommen hätten, und dank derer die Swissair
3 Tage nach der KPMG-Zahlung vielleicht noch hätte fliegen können
anstatt gegroundet zu werden?"
Ungefähr so hätten ich oder Tom Cruise die nächste Frage formuliert,
die Angeklagte damit total aus dem Häuschen und zum Heulen gebracht
und Frau Fouse hätte am Rande eines Nervenzusammenbruchs ihre Schuld
gestanden.
Aber nein, Herr Richter Unspontan schaut auf sein Blatt und liest
die nächste Frage ab, die weder auf ihre Antwort eingeht, noch weiteren
Druck auf die Angeklagte ausüben kann. Ich bezweifle langsam, dass
was wir im Fernsehen sehen, immer der Realität entspricht. Dass
sich mein Bekannter, ein Rechtsanwalt, genauso über den Richter
aufregt, sagt mir, dass ich weiterhin lieber darauf vertraue, dass
die TV-Richter den Weg zur Gerechtigkeit finden, als irgendwelche
Schweizer Richter.
Sie wollten einen Schauprozess verhindern. Hier bekamen aber weder
das Publikum die Schau, noch die Angeklagten einen Prozess.
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